Can we AI this? It depends! – Bericht zum Juni Meetup

 

Unter dem Titel „Can we AI this? – Machbarkeit, Herausforderungen und Anwendungen“ fand am 8. Juni 2017  bei P+P Pöllath+Partners in der Welle in Frankfurt die dritte Veranstaltung von Legal Technology & Innovation Frankfurt statt.

Über 140 Anmeldungen waren ein guter Spiegel für das Interesse, dass dem Thema Künstliche Intelligenz (KI) im juristischen Bereich derzeit entgegengebracht wird. Die Berichte über „Robo-Anwälte“ und „Automatisierte Rechtsberatung“ reißen nicht ab. Deshalb wollten wir dem Hype eine explizit praxisnahe und technische Veranstaltung entgegenstellen, die erklärt, was hinter den Kulissen eigentlich wirklich funktioniert.

Das Goethe zugeschriebene Zitat „man sieht nur, was man kennt“ trifft in diesem Fall besonders gut zu. Die Diskussion über Umsetzungen und Strategien kann aus juristischer Sicht nur sinnvoll geführt werden, wenn wenigstens ein elementares Grundverständnis von Machbarkeiten und Anforderungen der technologischen Grundlagen besteht. Die Begriffe KI, Deep Learning und Pattern Recognition sind allgegenwärtig und längst wird für den juristischen Bereich diskutiert, was mächtige Algorithmen tatsächlich leisten können. Aber was sich genau hinter den neuen intelligenten Technologien verbirgt, bleibt oft unklar. KI kommt nicht „aus der Steckdose“ und lässt sich auch nicht „per Knopfdruck“ erstellen. Zudem herrscht bereits bei der Begriffsdefinition Unklarheit und wer von einer starken, bewussten KI im Sinne Hollywoods träumt wird mit den aktuellen Fragestellungen anders umgehen. Zeit für klare und offene Worte, die als fachliche Grundlage für die sicherlich noch häufigen weiteren Diskussionen dienen sollen.

 

Die richtigen Leute für einen komplizierten Job

Die Speaker für dieses Thema waren deshalb genau gewählt: Zunächst René Buest, Cloud Experte und Direktor beim Frankfurter Automationsdienstleister Arago GmbH, und einer der aktivsten Speaker und Netzwerker im Bereich KI-Einsatz zur Zeit. Der zweite Vortrag kam von Dr. Micha-Manuel Bues, General Manager bei dem Automationsdienstleister Leverton, der sowohl selbst häufig zu Legal Tech spricht (und auf legal-tech-blog.de auch schreibt), als auch mit Leverton KI-Dienstleistungen für den forensischen Bereich anbietet.

Im ersten Vortrag „AI – what’s hot, what’s not?“ erklärte René Buest zunächst Grundlegendes: Was ist KI und welche Arten gibt es? Die technologischen Möglichkeiten laufen dem Hype derzeit hinterher: Eine starke KI im Sinne eines selbst-bewussten, „fühlenden“ Wesens gibt es noch nicht. Auch die Entwicklung von general purpose (d.h. nicht auf einzelne Themen beschränkte) KIs stehen noch am Anfang, auch wenn Verbraucheranwendungen von Amazon und Google anderes implizieren.

 

René Buest: What’s hot in AI? 

René Buest beschrieb, dass eine KI – wie ein Kleinkind auch – angelernt werden muss. Hierzu bedarf es einer großen Zahl an (Trainings-)Datensätzen. Weiter gab René Buest Schlaglichter auf einzelne Anwendungsbereiche, wie Chat-Bots bis hin zu konkreten Anforderungen an das Deep Learning.

Anhand von Beispielen zur Bilderkennung erklärte er die Anforderungen an wirkungsvolle Anwendungen und ging auch auf mögliche und bereits absehbare Risiken ein, wie zum Beispiel der „Hotel California“-Effekt von Gratisanwendungen. Der „Hotel California“-Effekt beschreibt die Situation, in der ein Nutzer das kostenfreie Angebot zwar jederzeit verlassen und damit die Datengewinnung unterbinden kann, es jedoch aus Bequemlichkeit oder hohem Mehrwert nicht tut („You can check out any time you want, but you can never leave“ – Hotel California, The Eagles).

Ein großer Teil der Datengewinnung erfolgt durch die Nutzung großer Anbieter wie Amazon, Facebook, Google, die damit aber auch erst in die Lage versetzt werden, bessere Anwendungen zu entwickeln. Dies hat direkte Folgen für die Old Economy, die von den neuen Anbietern in Frage gestellt wird. In dem Rennen um Marktanteile werden Daten immer relevanter, die häufig nicht mehr bei den Herstellern, sondern bei den Plattformen liegen.

Abschließend ging René Buest noch explizit auf juristische Anwendungsbereiche ein und versuchte, den drängendsten Fragen zu einer Antwort zu verhelfen: Welche Bereiche lassen sich automatisieren? Verlieren Juristische Anwender an Einfluss und Relevanz? Wo liegen konkret Chancen und Risiken dieser neuen Technologien? Was sollte man konkret machen auf dem Weg zur „AI-enabled enterprise“? Welche strategischen Überlegungen sollten heute angestellt werden?

 

Micha-Manuel Bues: Wie funktioniert Mustererkennung eigentlich wirklich? 

Der zweite Vortrag ging noch weiter in die Tiefe – es wurde technisch: Dr. Micha-Manuel Bues erläuterte Schritt für Schritt, wie der Einsatz von statistischen Technologien wie neuronalen Netzen eine Mustererkennung ermöglicht. Bues erläuterte verschiedene Ansätze und deren Vor- und Nachteile und verglich die traditionellen, regelbasierten Ansätze der Expertensystemforschung mit den heute verfügbaren statistischen Ansätzen mit selbstlernenden, dynamischen Modellen.

Am Beispiel der Bilderkennung wurde das Publikum Schritt-für-Schritt durch einen KI-Einsatz mit Bilderdaten geführt und Funktionsweise, Anforderungen aber auch Grenzen der Technologie veranschaulicht. Der hochinteressante Beitrag gewann zusätzlich an Wert, da der Referent als Rechtsanwalt die Perspektive des Publikums in dem anspruchsvollen technologischen Themenkomplex gut nachvollziehen, gleichzeitig aber auch wertvolle Beispiele aus der praktischen Erfahrung beim Einsatz der Leverton-Technologie beisteuern konnte. So wurde Licht in die Grauzone des Themenbereichs gebracht: Was bedarf es, um Anwendungen zu entwickeln? Wie viele Datensätze sind nötig? Wie kann die Indizierung erfolgen? Welche Möglichkeiten haben Juristen? Welche Daten sind vorhanden?

Beiden Vorträgen gemein war der starke Fokus auf Daten und vorhandene Prozesse: Eine sinnvolle Überarbeitung sollte zunächst mit einer guten Bestandsaufnahme beginnen. Welche Daten sind vorhanden? Welche Qualität haben diese? Welche lassen sich erheben?

Die Fachvorträge mündeten trotz fortgeschrittener Stunde in einer regen Fragerunde. Auch hier zeigten sich die Referenten als Experten auf ihrem Gebiet und standen offen Rede und Antwort. Von Haftungsfragen bis zu konkreten Voraussetzungen bei Trainingsdaten diskutierten die Teilnehmer noch mögliche, insbesondere juristische, Einsatzmöglichkeiten. Für technologisch vorgebildete waren der Abend eine gute Zusammenfassung mit explizit juristischem Fokus – für die insbesondere juristischen Gäste ohne IT-Hintergrund anspruchsvoll und sehr lehrreich. 

Die Veranstaltung war deshalb ein schöner Erfolg: Die allermeisten der 120 Anwesenden aus Kanzleien, Unternehmen und Institutionen blieben – trotz gesprengtem Zeitrahmen und anspruchsvollem Inhalt – bis zum anschließenden Meet & Greet. Das Sponsoring der Kanzlei P+P Pöllath+Partners gab den Gesprächen einen entspannten Rahmen.

 

von Michael Grupp (Lexalgo)