Legal Design is coming for you!

– Ein Bericht vom 2. Legal Design Summit in Helsinki von Tamay Schimang –

Es gab in 2017 wirklich viele, VIELE Konferenzen zu Legal Tech, Legal Innovation und dergleichen. Und Helsinki Anfang November klingt erstmal nach einer wirklich schlechten Idee. Dennoch nahm ich die Reise in den hohen Norden auf mich, denn dort hatte man für den 1. November zum 2. Legal Design Summit an die Univeristät Helsinki geladen. Dies vorab: Es hat sich gelohnt!

Der Summit wurde eingeleitet von einem vier Tage andauernden Rahmenprogramm, bestehend aus einer Brainfactory an der Uni Helsinki (eine Art Legal Design Hackathon) und verschiedenen Side Events. Die Brainfactory ließ ich außen vor, aber Montagabend – direkt nach Eintreffen in Helsinki – nahm ich am Zusammentreffen der Legal Hackers teil.

Die Legal Hackers sind (nach eigener Aussage, aber ich glaube ihnen) der weltweit größte Verbund von Juristen, IT-lern, Designern, Unternehmern usw. im Bereich Legal Innovation. So traf ich in einem Beer House in Helsinki – neben einer unübersichtlichen Auswahl an Bieren – auch auf Teilnehmer aus Polen, Estland, Kolumbien, Kanada, den USA, Italien und natürlich Finnland. Kurz gesagt: Die Legal Hackers sind weltweit das, was wir als Legal Tech & Innovation Forum im regionalen und nationalen Bereich darstellen möchten – eine eigenständige Grassroots-Bewegung für Innovationen im Rechtsbereich. Bei dem Legal Hackers-Meetup begriff ich auch, was sich in drei Tagen in Finnland zutiefst erhärtete: Außerhalb von Deutschland ist Legal Design eine Profession, wird an Universitäten gelehrt und in der Beratung im Wirtschaftsrecht und der Streitbeilegung verwendet. Da stellt sich doch die Frage: Was ist das denn?

Legal Design beschreibt die Übertragung von Methoden des Produkt-, vor allem aber des Service Designs auf die juristische Tätigkeiten. Was manchem gestandenen Juristen im ersten Augenblick als Firlefanz (ja, die 50er Jahre haben angerufen…), nette Spielerei, Augenwischerei oder allenfalls nice-to-have erscheinen mag, hat einen knallharten wirtschaftlichen Hintergrund.

Was ist einer der Hauptaufgaben eines juristischen Beraters? Man löst Probleme des Mandanten (bzw. versucht es). Was ist eine der Grundeigenschaften von Design? Es löst Probleme. Passt auf den ersten Blick doch ganz gut. Aber wenn wir Juristen doch so tolle Problemlöser sind, warum sollten wir uns von diesen coolen Designern die Show stehlen lassen?

Die Antwort liegt in einer weiteren Grundeigenschaft von Design – dem human-centered approach. Designer beschäftigen sich nicht nur mit schönen Formen, sondern vor allem damit, was der intendierte Nutzer eines Produkt oder einer Dienstleistungen WIRKLICH braucht – auch wenn er dies vielleicht nicht weiß (vgl. auch Henry Ford: „If I had asked people what they wanted, they would have said faster horses).

Dazu muss man diesen verstehen und zwar möglichst facettenreich; man muss Empathie für den Nutzer entwickeln. Überträgt man diesen Ansatz auf die Juristerei, bildet also einen client-centered approach, bedeutet dies, dass man seinen Mandanten, das von ihm betriebene Geschäft, die dort herrschenden Abläufe und Befindlichkeiten und vor allem die dort tätigen Menschen in aller Tiefe verstehen muss. Wem folgende Aussagen bekannt vorkommen – “Der Mandant meldet sich immer erst, wenn es fast zu spät ist”; “Ich erhalte Informationen ungeordnet oder stückweise”; “Wieso setzen die nicht einfach um, was ich geschrieben habe” -, der sollte Legal Design nicht weglächeln.

Auf dem Legal Design Summit wurde anschaulich dargestellt, wie komplexe Themen wie der Zugang zum Recht, die Struktur des größten finnischen Pensionsfonds, die Herangehensweise an die Gestaltung von Standardverträgen und nicht zuletzt der Umgang mit der DSGVO Schritt-für-Schritt dekonstruiert und im Einklang mit den Bedürfnissen von Mandanten und Geschäft aufgelöst werden. Ganz praktisch konnte ich das beim zweiten Side Event beim finnischen Startup Portyr erfahren.

In einem dreistündigen Workshop widmeten wir uns dem Damoklesschwert DSGVO, in dem wir durch gezielte Anwendung von Service Design-Techniken wie Point of View und dem Verständnis der existierenden Rollen bei Erstellung von Datenschutzbestimmungen verschiedene Ansätze für eine effiziente und nachhaltige Umsetzung der DSGVO erarbeiteten.

Die DSGVO spielte auch beim Summit eine nicht zu unterschätzende Rolle – aber der Reihe nach:

In der stimmungsvollen Begrüßung durch den Dekan der Juristischen Fakultät im Auditorium der Universität Helsinki wurde schnell das Motto der Veranstaltung proklamiert: „Let‘s create the world‘s largest legal design movement“ – das sollte mit über 600 Teilnehmern geglückt sein. Neben diesem idealistischen Ansatz wurde jedoch schnell festgestellt: „Legal Design is not just to make contracts look pretty!

Den Kick-Off übernahm die wunderbare Margaret Hagan vom Legal Design Lab an der Stanford University. In einem inspirierendem Vortrag mit vielen Fallbeispielen aus den Bereichen Access2Justice wie auch dem Wirtschaftsrecht rief sie zu vertiefter Auseinandersetzung mit Legal Design auf. Insbesondere in der derzeit herrschenden Legal Technology-Welle sei es besonders wichtig, nicht die bestehenden, fehlerhaften Strukturen auf IT-Infrastrukturen zu übertragen, sondern vor der Digitalisierung durch Legal Design nutzerzentrische Lösungen zu schaffen. Hierzu – so auch die nachfolgenden Rednerinnen – Cat Moon und Alix Devendra von startherehq.com (ebenfalls USA) – dürfe man sich nicht auf Juristen verlassen. Als Beispiel führten Letztere den Family Court of Australia an, wo derzeit das Gerichtsverfahren vollständig überarbeitet wird. Ganz ohne Juristen („They are just messing it up.“). Cat Moon (legalproblemsolving.org), Professorin der Vanderbilt Law School, unterrichtet dort u.a. die Fächer Legal Design und Legal Project Management. An der Uni. Und sie ist nicht die Einzige.

Weniger idealistisch wurde der Vortrag von Legal Designerin Sarah Van Hecke der nicht ganz unrenommierten holländischen Kanzlei Houthoff Buruma eingeleitet: „We are in the business of winning cases!“. Keine Zeit für Idealismus – Legal Design ist hartes Business. Sarah berichtet davon, dass neue Associates bei Houthoff Schulungen in Visual Thinking erhalten und dass Anwälte gemeinsam mit Service Designern Mandantentermine wahrnehmen und Mandate führen. Damit sei man u.a. im Bereich Litigation sehr erfolgreich.

Dieses Vorgehen ist auch bei Dottir üblich. Die erst vor ca. 1,5 Jahren gegründete finnische Kanzlei mit Standorten in Berlin und San Francisco arbeitet eng mit Service Design-Agenturen zusammen. In einer von vielen Case Studies des Abends stellte Dottir-Partnerin Johanna Rantanen gemeinsam mit ihrer Mandanten yle (die finnischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt) ein gemeinsames Projekt zur Überarbeitung der Lizenzverträge für TV-Produktionen vor. Das Ergebnis lässt sich leicht grafisch zusammenfassen. Aus langatmigen Lizenzverträgen wurden zwei Lizenzmodelle entwickelt, die jeweils auf einer Seite dargestellt werden können – mit sämtlichen Ausnahmeregelungen. Hierdurch seien erhebliche Einsparungen bei der Verhandlung von Lizenzverträgen erreicht worden. Einen ähnlich praktischen Ansatz präsentierte das später am Nachmittag stattfindende Panel, ebenfalls unter Teilnahme von Dottir, bei dem eine Case Study des größten finnischen Rentenfonds Varma im Detail vorgestellt wurde. Besonders anschaulich: Neben den Anwälten von Dottir und den mit ihnen tätigen Service Designern nahmen an diesem Panel sowohl eine Vertreterin von Varma als auch ein Kunde von Varma teil und berichteten davon, wie Entscheidungsprozesse und die Interaktion mit Kunden über rechtliche Themen bei Varma neu designt wurde. Beeindruckend.

Nach der Mittagspause machte die hierzulande schon bekannte Marie Bernard von Dentons‘ NextLaw Labs klar: No Bullshit! Innovationen in Kanzleien brauchen Kulturwandel und den Willen von Oben und Unten – aber auch den klaren Fokus auf das Funktionale. „Innovation is not playing with Post-It notes, but to accept the functional part.“

Dies gelte besonders für derzeitige Hype-Themen wie AI und Blockchain – um diese solle man sich kümmern, wenn man von der Unternehmenskultur und dem digitalen Reifegrad soweit sei. „Legal Tech Bubble is so 2015 – maybe design is the new black.“

Man könnte noch lange über die weiteren Vorträge berichten, von denen qualitativ keiner wirklich abfiel. Herausheben möchte ich den Vortrag von Jose Torres von der Universität Bogota in Kolumbien, der nicht die Frage nach dem Re-Design des Rechts, sondern nach der Implementierung rechtlicher Fragen in das Produkt- und Servicedesign selbst stellte. Insbesondere bei digitalen Dienstleistungen und Produkten könnten rechtliche Aspekte besonders effektiv in Geschäftsprozesse einbezogen werden. Dies – und so schließt sich der Kreis – gilt nicht zuletzt für die Herausforderungen der DSGVO. Diese sieht ja sogar explizit eine Visualisierung von rechtlichen Prozessen vor! (Bild) So befasst sich Arianna Rossi von der Universität Bologna damit, eine einheitliche Bildsprache in Form standardisierter Icons zu entwerfen, mit denen Datenschutzrichtlinien effizient und verständlich gestaltet werden
können. Ebenfalls mit der DSGVO befasste sich das letzte Panel des Tages und stellt unter anderem die Frage, ob Nutzer überhaupt in dem von der DSGVO vorgesehen Maße an ihren Daten interessiert seien und warf eine provokative These auf: „Privacy policies are made for litigators, not for users.“

Wer sich bis hierher durch den Bericht gearbeitet hat, dem attestiere ich tatsächliches Interesse an der Materie. Schön! Das Thema Legal Design wird in Deutschland – abgesehen von einigen lobenswerten Ausnahmen – kaum ernsthaft oder gar praktisch behandelt. Dabei liegt hierin die Chance für Rechtsberater, wirklich innovativ zu sein und sich dabei unternehmerische Vorteile zu sichern. Das setzt freilich einiges voraus: Den tatkräftigen Mut, Neues zu wagen; ernstgemeintes Umdenken und die Bereitschaft zur Entwicklung der Unternehmenskultur; das Annehmen gleichberechtigter Unterstützung von Nichtjuristen (auch noch Designern). Wenn man überlegt, was „kleinere“ Volkswirtschaften wie die Niederlande und Finnland (von Estland ganz zu schweigen) bereits auf die Beine gestellt haben, sollten sich deutsche Juristen nicht zu lange auf ihren Lorbeeren ausruhen.

Ich freue mich über jeden Austausch!