Mehr Realität wagen | Bericht zur Legal ®Evolution – Legal Tech Expo in Frankfurt

Am vergangenen Montag und Dienstag fand die von Dr. Jochen Brandhoff und seiner Kanzlei organisierte Legal Tech Messe Legal ®Evolution statt. Nach mehreren, auch größeren Veranstaltungen alleine dieses Jahr und eingeklemmt zwischen Anwaltszukunftskongress und Bucerius Herbsttagung eine Herausforderung an Sichtbarkeit und Inhalt. Zudem erfahren das Thema und die unter dem Leitthema versammelten Themenblöcke einige Wiederholung. Was erwartet man also von einer Veranstaltung, die „einen klaren Blick auf den Anwalt von Morgen“ verspricht? Roboter-Puppen, Statistiken zur Kanzleientwicklung, betroffene Mittelständler und War-Stories von Forensikern in den Frankfurter Bürotürmen?

Laut Programm versprachen rund 50 Speaker und 50 Aussteller einen recht umfassenden und diversen Überblick, von der öffentlichen Verwaltung bis zum Verlagshaus. Die Themen waren weise gewählt: Inhaltlich anspruchsvoll aber nicht überkompliziert. Einführend aber nicht oberflächlich. Relevant und pointiert aber nicht zu sehr aus der Nische. Kurzum: die Expo war sehr gut, und zwar nicht nur für die glücklichen Entsandten aus traditioneller Kanzleiwalt, sondern auch für thematisch bewanderte.

„Wo owns the Legal Future?“

Nach einer klaren und erfreulich direkten Eröffnung und Einführung durch den Gastgeber führte der Hessische Kultusminister Prof. Dr. Alexander Lorz in die Konferenz ein. „Who owns the Legal Future“ war der Titel seines offenen Beitrags, in dem er vor allem verbesserte Verbindung der verschiedenen Akteure und Bereiche forderte. Am Beispiel von Law Clinics als Inkubatoren und Schnittstellen für andere Fächer machte er konstruktive Vorschläge für ausbildungsrelevante, wissenschaftlich wertvolle wie praxisrelevante Tätigkeitsfelder. Wer schon einmal versucht hat, an einer Hochschule eine Law Clinic zu implementieren, war hin- und hergerissen zwischen Grimm und Begeisterung für die Impulse. Den Ball nahm der Estnische Parlamentssekretär und Vizepräsident Kalle Palling in seiner Fallstudie zu E-Residency und E-Government in Estland auf. Große Teile der Verwaltung arbeiten vollständig digital, Kommunikation mit Bürgern erfolgt online. Inwiefern in Estland tatsächlich öffentliche Register durch die Blockchain ersetzt werden blieb offen, aber die Richtung ist klar: als kleines Land will Estland vor allem durch einfache, günstige und transparente Verwaltungsstrukturen Unternehmen und Investitionen anreizen.

Der Organisator der Mannheimer Legal Tech Konferenz und insbesondere mit Online Dispute Resolution und Digitalisierung im Zivilprozess befasste Privatdozent Dr. Martin Fries (LMU München) diskutierte unter dem namensgebenden Titel der Veranstaltung: Revolution oder Evolution Einsatzgebiete und Möglichkeiten von Technologien und Innovationen in der Rechtsbranche. Die Essenz: Noch sind Technologien und Innovationen Randerscheinungen, aber die Folgen können und werden beträchtlich sein. Wer gewappnet sein will, behält die neuen Entwicklungen im Auge. Technisches Know-How wird Wettbewerbsvorteil.

Panel Talks A : Effizenzinstrumente

Hauptteil der Konferenz bildeten zwei Tracks mit verschiedenen Vorträgen zu Unterthemen: Track A zu „Effizienzinstrumenten“ gab mit verschiedenen Beiträgen von Anbietern und Dienstleistern einen Überblick über den Status Quo. Eine ausführliche Panel-Diskussionen brachte interaktive Elemente: Es diskutierten, moderiert von Shane Büchner, Prof. Dr. Falko Tappen (Lehrstuhl für Steuerrecht an der Hochschule Worms) mit Dr. Kathrin Mehler, Legal Counsel für Digitalisierung und Innovation bei der Commerzbank Aktiengesellschaft und dem Insolvenzexperten Dr. Martin Obermüller und dem Vertriebsleiter des US-Forensikherstellers KrollDiscovery, Helmut Sauro, über konkrete Einsatzgebiete von Legal Tech Anwendungen im Alltag. Neben Kern-Bereichen wie Discovery und Dokumentenverwaltung dominieren eigene Lösungen. Schwerpunkt der Umstellung ist aber noch immer eher der Prozess und Veränderungen der Strukturen als konkrete Tools. Komplexe, auf Datensammlungen beruhende Anwendungen kommen nur punktuell zum Einsatz – regelbasierte Anwendungen müssen selbst entwickelt werden. Dr. Mehler berichtete insbesondere von Erfahrungen aus der Rechtsabteilung der Commerzbank und der erheblichen Beschleunigung und Vereinfachung bzw. Verschlankung von Prozessen durch vergleichsweise einfache Tools – sofern Problem und Prozess klar beschrieben und dargestellt werden.

Track B: Blockchain und Künstliche Intelligenz

Im parallelen Track B führte zunächst Prof. Dr. Heribert Anzinger, Lehrstuhlinhaber für Handels- und Steuerrecht an der Universität Ulm in das Thema Smart Contracts und Blockchain ein. Die Technologieformen – bekannt geworden durch die Kryptowährung Bitcoin und Token-Technologie Ethereum – werden häufig diskutiert aber kaum tatsächlich praktisch im juristischen Kontext eingesetzt. Der Vortrag stellte nach einem kurzen historischen Abriss und einer Erklärung der grundlegenden Funktionsweise die Herausforderungen bei einem Einsatz sowohl aus technologischer und rein faktischer als auch aus rechtlicher Sicht dar. Mit dem Vorschlag, die richtige und gesetzeskonforme Funktionsweise von Smart Contracts zu überwachen zeigt der Vortrag selbst, wie heterogen die Behandlung des Themas derzeit erfolgt – ist doch gerade die Agentenfreiheit und Selbstkontrolle der verteilten Netzwerkstruktur Hauptargument für ihren Einsatz.  Fachlich sicherlich einer der dichtesten und hilfreichsten Vorträge war die folgende Einführung in die Möglichkeiten der KI für den Rechtsmarkt des Technischen Leiters von WoltersKluwer, Greg Tatham. Nach der obligatorischen Verlagspräsentation führte Tatham in einem Parfoce-Ritt durch die Geschichte der Künstlichen Intelligenz in die grundlegenden Funktionsweisen ein: Während eine allgemein funktionierende Intelligenz vergleichbar der Skynet Roboter unrealistisch ist, können statistische Anwendungen auf Datensammlungen in begrenzten Bereichen nicht nur menschlicher Intelligenz überlegene Auswertungen vornehmen, erste Anwendungen lernen auch selbst. Regelbasierte und „klassische“ KI-Systeme in Form von Expertensystemen können dort zum Einsatz kommen, wo entweder nicht ausreichend Daten vorhanden sind oder die Entscheidungsstrukturen zu komplex sind. Ab einer bestimmten Komplexität wird aber auch die Pflege der Regelstrukturen zu schwierig. Die Zusammenfassung: das Rezept für Erfolg langfristig liegt in drei Komponenten: Daten, Knowhow und die richtigen Tools.

Die anschließende Podiumsdiskussion mit Moderation von Marina Zayats besprach Strategien und Techniken im Kampf gegen die More-for-less-Problematik. Die Diskutanten, Unternehmensgründer und Manager von Legal Tech Anbietern, besprachen nach einer kurzen Vorstellungsrunde Ansätze und Vorteile von Anwendungen und Prozessen. Mark Simpson, Senior Director bei EPIQ Systems Inc. und Patrick Prior, Gründer von Advotisement/FAQ-Recht waren sich mit dem russischen Gründer von Simplawyer, Anton Vashkevich und Jason Thompson, Gründer von eDCaseMan einig, dass die Lösung vom Problem her gedacht werden muss, dass aber Technologie schon heute signifikante Lösungen bringen kann.

Legal Tech: Folgen für das Berufsrecht?

In der abschließenden Talk-Runde sprachen der frühere Managing Partner von Clifford Chance und Mitglied der Satzungsversammlung der BRAK, Prof. Dr. Thomas Gasteyer mit dem Präsident a.D. des Rats der Anwaltschaften der Europäischen Gemeinschaft (CCBE) über die regulatorischen Anforderungen an die Organisation der Anwaltschaft wegen Legal Tech. Gasteyer, u.a. verantwortlich für die Reform des § 2 BORA betonte dabei das besondere Spagat, das die Regelungen leisten müssen: Berufsfreiheit und zeitgemäße Flexibilität auf der einen Seite, Wahrung der berufstypischen Charakteristika auf der anderen Seite. Die jüngste Reform hat die Beteiligung Dritter bei der Berufsausübung geregelt und damit wichtige Entspannung für die Wertschöpfungskette. Allerdings bleiben Fragen offen, auch im Austausch mit dem Ausland. Die Datenschutzrechtlichen Fragen alleine lassen Rechtsdienstleister zum Teil im Unklaren.

Sum up: We liked it

Was war gut? Sehr viel – ausgewogene Speaker die in dieser Konstellation und mit diesen Themen auch für Themeninsider neue Ansichten und Impulse gaben. Conference Dinner und Meet & Greet in der Kinka-Suite boten ein stimmungsvolles Nebenhighlight und beste Gelegenheit für gute Gespräche.

Was kann man kritisieren? Strenggenommen nicht viel – das müssen wir Jochen Brandhoff lassen. Die Firmennamen standen nicht auf den Namenstags, der Kaffee war zu heiß und die –maschine zu laut, der Twitter Account war ein bisschen passiv. Sie merken, wir geben uns große Mühe, etwas zu finden.

Die Legal Tech Expo auf Twitter

Mehrere Teilnehmer haben zu der Veranstaltung gewittert und so quasi live berichtet. Neben unserem Co-Host Michael Grupp auch der Münchener Gast Simon Ahammer, von der Universität Würzburg Daniella Domokos, aus Rotterdam Eva Peeters, unsere regelmäßige Teilnehmerin Ilona Cosack, und natürlich Susanne Minneker und Marjan Hermkes

Save the Date!

Wenn Sie die Frankfurter Legal Tech-Szene kennen lernen oder bestehende Kontakte vertiefen möchten, sind Sie zu unserem nächsten Termin herzlich eingeladen. Das nächste Legal Tech & Innovation Forum findet noch in diesem Jahr, am Dienstag den 12.12.2017 statt.

Location, Thema und Speaker werden in den nächsten Tagen bekannt gegeben aber soviel sei schon einmal verraten: diesmal wird es weniger technisch.