Warum wir zur Herbsttagung des Bucerius Centers on the Legal Profession gefahren sind. Und das nächstes Jahr wieder machen. 

Ein kurzer Tagungsbericht. Und eine Kritik.

von Michael Grupp

Warum eigentlich Hamburg?

Am vergangenen Donnerstag und Freitag fand in Hamburg zum siebten Mal die Herbsttagung des Bucerius Center on the Legal Profession (BCLP) statt. Das BCLP ist das, was in den USA ein Think Tank wäre und obendrein noch ein sehr guter. Das müsste er nicht einmal sein, weil er neben dem Soldan Institut der einzige in Deutschland ist, aber die Beiträge, Studien und Veröffentlichungen des BCLP sind fundiert, weitsichtig und klug. Die Herbsttagung als das Event-Flaggschiff des BCLP hat sich auch als eine der alljährlich wichtigsten Veranstaltungen der Zunft etabliert und zieht Rechtsabteilungsleiter und Kanzleipartner auch aus München, Stuttgart und Prag an die Alster. Vielleicht, weil sie eine der wenigen Veranstaltungen mit konsequentem Business Fokus ist, vielleicht, weil sie überhaupt eine der wenigen Veranstaltung ist mit nicht nur materiell-juristischen Inhalten, vielleicht auch, weil sie mit einem stilsicheren Vorabendempfang im feinen Überseeclub auch für Juristen Business Club-Atmosphäre schafft. Wer da war, kommt jedenfalls meist wieder.  

In ihren Anfangsjahren bediente sich die Veranstaltung mit einem eher homogenen Strauß aus Speakern und Inhalten vor allem bei Großkanzleien, Konzern-Rechtsabteilungen und Gesellschaftsrechtslehrstühlen. In den letzten Jahren nehmen die innovativen Themen und Teilnehmer zu. 2015 und 2016 war auch die Ausrichtung der ganzen Veranstaltung auf Technologie, Startups und Innovationen offenkundig, nicht zum Nachteil des Formats: Während bundesweit die juristischen Panels eher mit Leuten besetzt wurden, deren Lebensläufe schon aus Namen und Titel ablesbar waren, hatte das BCLP längst den Mut zu ungewöhnlichen und branchenfremden Personalien und zu einem Blick über den Tellerrand. Dadurch schaffte die Herbsttagung – obwohl Themen wie Legal Tech und KI fast in Dauerschleife auch in anderen Konferenzen präsent waren – einen neuen Blick auf die Branche. Ging nah ran aber behielt den Überblick. Vereinte die New & Old Economy und schafft es vor allem, aus beiden Welten positive Effekte der jeweils anderen vorzustellen. Und Markus Hartung, der auch während des Jahres als bewanderter Sprecher innovativer Prozesse in beiden Lagern Gehör findet, wirkt als Katalysator und Netzwerkzentrum. Fast nebenbei entsteht im Nachgang zur Herbsttagung 2016 die Gründung des europäischen Legaltech-Verbands ELTA. Die Gründer der meisten juristischen Tech-Unternehmen waren mindestens einmal da und Neuigkeiten erhält das BCLP sicher nicht als letztes. Obwohl gut verbreitet, wagte das BCLP 2017 noch einmal ein Innovationsthema: Disruption? Opportunity! war das Motto der 7. Herbsttagung, die also große Fußstapfen ausfüllen musste.

Vorabendempfang

Der Empfang im Überseeclub war wie immer bestens – angenehme, zum Teil auch längere und ungestörte Gespräche bei Flying Buffet und breiter Getränkeauswahl. Ein kurzer Impulsvortrag des Freshfields Beraters Anthony Parry zur britischen Sichtweise auf den Brexit eröffnete den Abend, der wie immer länger als geplant gehen sollte. Bemerkenswert wie stets Markus Hartung und Dr. Patrick Schroer, die vernetzen, bekannt machen und omnipräsent den Abend begleiten. Das macht den Charme der Herbsttagung aus, die mehr ist als eine reine Tagung: Selbst wer zum ersten Mal teilnimmt findet Kontakt und Zugang zu Gesprächen, und den Veranstaltung gelingt es wieder einmal, die richtigen Leute zum Kommen zu motivieren. Die letzten Teilnehmer, fast ein Who-is-who der Legal Tech Szene, sind an der Raucherbar auch noch nach 2 Uhr in Diskussionen vertieft.

Freitagsprogramm

Nach Eröffnung und Begrüßung durch die Gastgeber führt die britische Autorin Joanna Goodman in das Hype-Thema KI und Recht ein: „Putting the Robots to Work: Using AI to grow and differentiate your Business“ der Titel ihres Vortrags, in dem sie vor allem für Teilnehmer mit Technologiedistanz mit Klischees bricht und zum Ausprobieren motiviert. Lars Wittmaack zeigt im Folgevortrag die Schattenseiten der Digitalisierung: Unter dem Titel „Cyber Security – Gelegenheit oder Bedrohung“ zeichnet er auch ein beunruhigendes Bild des Status Quo. Geschätzt mehr als ein Viertel der Teilnehmer hat auch schon einmal Erfahrung mit Cyber-Attacken gemacht. Nach Kaffeepause und zweitem Frühstück sprechen der durch die Aufarbeitung des FIFA-Skandals zuletzt bekannte Frankfurter Litigation-Anwalt Prof. Dr. Christian Duve von Freshfields zu internen Untersuchungen und die vormalige Herbert Smith Leiterin Sonya Leydecker zu zukünftigen Veränderungen des Wirtschaftsanwaltsberufs.

Workshops als interaktive Formate

Nach der Mittagspause finden vier parallele Workshops statt:

Workshop I “The Lawyer of the Future” war schon lange vor Beginn der Herbsttagung ausgebucht. In dem inzwischen weit verbreiteten Workshop-Format „World Café“ luden eine Reihe von Referenten (darunter Forum-Mitveranstalter Tamay Schimang) zur Diskussion in Kleingruppen ein. Behandelt wurden die Themen Legal Project Management, Legal Tech und Legal Engineering, Arbeitsplatz der Zukunft, Erwartungen künftiger Juristen und das Berufsbild von Morgen. Aufgrund der offenen Diskussion und der wechselnden Teilnehmer führte dieses „Legal Innovation Speed Dating“ zu anregenden Ergebnissen, die im Anschluss der Allgemeinheit präsentiert wurden. Schön und interessant zu sehen: Studierende der Bucerius Law School als „Gastgeber“ eines Tisches erörtern mit General Counsel und Managing Partnern künftige Berufsbilder.

Der sicherlich größte Teil der Teilnehmer nimmt am Workshop II, dem Startup-Pitch, teil, bei dem 9 junge Unternehmen aus dem juristischen Bereich ihre Produkte präsentieren. Hartung moderiert die Vorstellungen von jeweils 10 Minuten, das Publikum entscheidet als Jury über eine Abstimmungsplattform mit. Obwohl die Unternehmen kaum gegensätzlicher sein könnten – von Busy Lamp mit längst 7-stelligem Jahresumsatz und Büros in USA, UK und Frankfurt bis zu der erst 2017 gegründeten österreichischen Zitatsoftware Lereto – erhalten die Zuschauer einen schönen Überblick über den Innovationsstand. Gewinner wird der Berliner Dokumentengenerator von Lawlift.

Im Workshop III führen Dr. Felix Netzer (Freshfields Bruckhaus Deringer LLP) und Dr. Christoph Baus (Latham & Watkins LLP) in Ermittlungsverfahren ein – als praktische Weiterführung des Vortrags von Prof. Duve am Vormittag. Der Workshop IV – eine Soapbox – ist ein interaktiver Workshop mit Dr. Jo Beatrix Aschenbrenner, bei dem im kleinen und ehrlichen Kreis positive und negative Erfahrungen mit dem Einsatz von Software im juristischen Arbeitsumfeld diskutiert wurden.

Auf dem Weg zur Juristischen Un-Konferenz?

Wie fanden wir das Ganze? Sehr gut und empfehlenswert. Pflichtveranstaltung. Aber nicht, weil das Buffet so reichhaltig, die Vorträge so gut oder die Workshops so wertvoll waren – um sehr ehrlich zu sein ähnelte mancher Vortrag eher einer Vorlesung. Und wer sich in den vergangenen Jahren mit der Digitalisierung der Rechtsberatungsbranche befasst hat, wird sich bisweilen unterfordert gefühlt haben. Aber darum ging es eigentlich gar nicht.

Juristen kennen vor allem Fach-Konferenzen, in denen man sich über materiell-juristische Inhalte austauscht. Man fährt auf eine Konferenz, um etwas zu lernen. Kostet eine Konferenz Geld, versteht man die Gebühr als Unkostenbeitrag an entstehenden Organisationsaufwänden: Cracker und Flipcharts, denn die Vortragenden sind ja ohnehin meist Uni-Profs und Datenschutzbeauftragte. Branchenkonferenzen sind im juristischen Bereich eher neu und immer ein bisschen unter dem Verdacht der Vendor-Interessen. Und natürlich freuen sich Anbieter aus Verlags- und IT-Branche, den Entscheidern ausführlich Neuerungen vorstellen zu können. Aber auch darum geht es nicht. Versteht man Branchen vor allem als Sammlungen von Köpfen, Kontakten und Meinungen, sind Branchentreffen vor allem Gespräche. Gerade offene Gesprächsformate wie Soapbox, der interaktive Pitch oder World Café sind die richtigen Wege in eine innovative, juristische Arbeitswelt. Basierend auf der Beobachtung, dass auf Konferenzen die wichtigen Gespräche ohnehin in der Pause stattfinden und (frontal) Talks selten wirklich bereichern, sind im Umfeld von  IT-Konferenzen Formate aufgekommen, die als Un-Konferenz bezeichnet das traditionelle One-to-many-Gesprächsmuster aufbrechen und die Tagung umkehren: Teilnehmer entscheiden, worüber gesprochen wird. Das lässt das Informationsgefälle bei Fach-Tagungen nicht überall zu, trotzdem zeigt sich an der Herbsttagung, dass die Gelegenheit vor allem zur Diskussion und Vernetzung als zur Weiterbildung genutzt wird.  

Im föderalen Deutschland sind Knowhow und Erfahrung nahezu gleichmäßig über die Bundesländer verteilt – nicht jede Metropolregion hat eine Veranstaltungsserie wie das Legal Tech & Innovation Forum Frankfurt ;-). Konferenzen machen den Austausch, den die Digitalisierung trotz Twitter und Foren bisher nicht ersetzen kann. Eine gute Konferenz ist deshalb vor allem eine Konferenz, auf der die richtigen Leute sind und die wichtigen Gespräche stattfinden. Bei der vergangene Projekt diskutiert und neue Projekte geplant werden. Eine gute Konferenz hat nicht unbedingt einen durch Sekt, Servietten und Sales-Leads messbaren Gegenwert, aber eine gute Konferenz bringt weiter, verbindet Menschen und schafft Chancen. Das hat die Herbsttagung wieder einmal erreicht. 

Disclosure: Der Autor ist seit mehreren Jahren Teilnehmer der Herbsttagung und selbst Mitglied der Executive Faculty des BCLPs und deshalb nicht völlig objektiv in seiner Wahrnehmung.